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Wochenbericht Bank Julius Bär vom 4.Dezember 2003 über Kambodscha

Quelle: Wochenbericht Bank Julius Bär vom 4. Dezember 2003

Kambodscha, Laos: Im Schatten der Nachbarn und der Zeit

Kambodscha und Laos sind beides buddhistische, grosse, dünn besiedelte Länder. Mit einem Pro-Kopf-Jahreseinkommen von ca. 300 US-Dollar gehören sie zu den ärmsten der Welt. Beide waren Königreiche, wurden nach ihrer Blüte von expansiven Nachbarn überfallen, verloren Gebiete, bis Frankreich im 19. Jahrhundert ihren Bestand rettete und sie mit Vietnam als "l'Indochine" zum Zentrum französischer Kolonialpräsenz in Asien wurden. Beide gerieten am Ende der Kolonialzeit in den Strudel nationalistischer und ideologischer kommunistischer, innenpolitischer Machtkämpfe und wurden Schauplatz der Auseinandersetzungen des Ost-West-Konflikts. Am Ende überlebten beide als eigenständige Staaten, wirken aber heute noch ausgeblutet und haben bisher an den in Nachbarländern seit Jahren spürbaren Wirtschaftsaufschwung keinen Anschluss gefunden.

Die Kriegsfolgen sind dem Besucher sehr präsent. Kambodscha ist noch weitgehend vermint, davon zeugt die Vielzahl Verkrüppelter im Strassenbild. Um damals den durch laotisches Grenzgebiet gehenden Nachschub von Nord- nach Südvietnam zu treffen, gingen auf Laos - so gross wie Italien - drei Millionen Tonnen amerikanischer Bomben nieder, mehr als im ganzen Zweiten Weltkrieg abgeworfen wurden. Das Strassenbild, die Kleidung, die Märkte beider Länder wirken ärmlich gegenüber den Nachbarn Thailand und Vietnam, die beide Laos und Kambodscha einrahmen. Kambodschaner und Laoten hegen Misstrauen gegen ihre stärkeren Nachbarn, die sie oft bedrängt haben. Das war nicht immer so.

1853 wurde Napoleon III. um Schutz gebeten

Im 11./12. Jahrhundert war Kambodscha die zentrale Macht Indochinas. Die Könige der Khmer herrschten von der Tempelstadt Angkor über das Mekongdelta bis Tonkin und im Westen bis Burma. Von Angkor zogen zehntausend Mönche, Künstler und Handwerker in das "Reich der Millionen Elefanten und des weissen Schirms", das durch Einigung laotischer Fürstentümer entstanden war. Selbst die laotische Königin kam aus Angkor. Doch Eroberungen und Tempelbauten hatten Land und Volk ausgelaugt. Der Zenit war überschritten. Im Osten eroberten Vietnamesen das fruchtbare Mekongdelta mit Prey Nokor, dem seitherigen Saigon. Im Westen gingen grosse Gebiete (Battambang, Siem Reap) an Thailand verloren. Die Khmer-Könige gaben Angkor auf, Phnom Penh wurde neue Hauptstadt. Kambodscha war ein Vasall Siams geworden, und in seiner Bedrängnis bat König Ang Duong 1853 Napoleon III. um Schutz.

Auch Laos wurde von Nachbarn bedrängt: Banden aus China fielen ein, zerstörten die Königsstadt Luang Prabang; Bedrängnis durch Burma und Thailand; Laos verlor Gebiete. Frankreich verhandelte mit Thailand die neue laotische Grenze entlang des Mekongs. Ein grosses Gebiet westlich des Mekongs mit 20 Millionen Laoten (viermal so viel wie heute in Laos leben) fiel an Thailand, das aber Battambang und Siem Reap an Kambodscha zurückgab. Paris sah in Laos die Möglichkeit, sich Zugang nach China zu verschaffen und vom Opiummonopol zu profitieren.

Mit der Schlacht um Dien Bien Phu (1954) endete Frankreichs Kolonialzeit in Indochina. Das Königreich Kambodscha war schon 1953 unabhängig und Sihanouk zum König gewählt worden. Als Staats- und Regierungschef führte er innenpolitisch ein patriarchalisches Regime und bemühte sich, mit seiner Schaukel-Aussenpolitik seinem Volk den Frieden und zu den drängenden Grenzmächten Abstand zu bewahren. Das gelang dem geschickt manövrierenden Politiker bis 1970, als General Lo Nol mit Hilfe der CIA putschte, Sihanouk für Jahre entmachtete und das Land in einen Bürgerkrieg stürzte, der in den Sieg der "Roten Khmer" und ihre Eroberung von Phnom Penh am 17. April 1975 mündete. Wenige Tage später, am 30. April 1975, eroberten nordvietnamesische Truppen Saigon. Am 2. Dezember 1975 riefen die Pathet Lao die Laotische Volksdemokratie aus. Indochina war kommunistisch geworden. Aus Laos konnten noch dreihunderttausend Angehörige der bürgerlichen Elite auswandern, ein Aderlass, den auch Kambodscha erfuhr, durch Flucht und noch mehr durch Mord und Tod in der Pol-Pot-Zeit - Kräfte, die heute noch spürbar fehlen.

Vietnam wollte - wie einst die Kolonialmacht Frankreich - auch Laos und Kambodscha von Hanoi aus beeinflussen, unter Kontrolle halten. Ein umfassender "Freundschaftsvertrag" mit Laos besiegelte im Sommer 1976 die intensive Zusammenarbeit auf allen Gebieten. Zur allen sichtbaren Bekräftigung entsandte Hanoi fünfzigtausend Soldaten ins laotisch-vietnamesische Grenzgebiet. In Peking stieg der Blutdruck wegen des kühnen Engagements der Vietnamesen in Chinas laotischem Vorgarten, wo - welch Zufall - mit Kaysone ein Parteichef und Ministerpräsident regierte, dessen Eltern teils aus Vietnam stammten. Peking fror seine Hilfe an Vietnam ein und bot im gleichen Zuge Kambodscha zusätzliche an.

Schreckensherrschaft durch Pol Pot

Pol Pot, der mit seiner Bewegung "Angkar" von Sonderbeziehungen mit Hanoi nichts wissen wollte und alle Versuche dieser Art abwies, hatte eigene, ganz andere Vorstellungen. Kambodscha sollte eine kommunistische Musterwelt werden: ohne Geld, ohne Aussenhandel, ohne Zeitungen, Fernsehen, Literatur und natürlich ohne jede Religion. Vor allem sollten alle Menschen gleich sein und auf dem Land für ihren Unterhalt arbeiten. Auf dem Weg zu diesem Ziel mussten alle Hindernisse vernichtet werden: Pagoden, Kathedralen und Kirchen, das Geld, Bücher und vor allem die bürgerliche Elite und Mittelschicht, die lesen, schreiben und französisch sprechen konnte.

Die Brutalität, mit der Pol Pot ans Werk ging, übertraf in vielem die Verwüstungen der "Kulturrevolution" in China, die gerade geendet und von der Peking sich abgewandt hatte. Da schien es gerade recht, Pol Pot achtzehntausend arbeitslos gewordene "Kulturrevolutionäre" als Entwicklungshelfer zu schicken und in China aus dem Verkehr zu ziehen. Sie lernten kambodschanische Kinder an und verrichteten mit ihnen ganze Arbeit. Phnom Penh, bis in die sechziger Jahre wegen der gelungenen harmonischen Synthese asiatischer und französischer Elemente die schönste und gepflegteste Hauptstadt in Asien, wurde verwüstet und war bald menschenleer.

Der Fernsehsender "Arte" zeigte kürzlich in einem Dokumentarfilm das zum Genozid-Museum gestaltete, einst gefürchtete Gefängnis "S-21" Tuol Sleng - eine höhere Schule in französischer Zeit - und die Schädelstätte ausserhalb von Phnom Penh, wo die Gefangenen nach Verhör mit Folter und Fotodokumentation aus dem "S-21" hingebracht und mit Eisenstangen oder Ketten erschlagen und in Massengräbern verscharrt wurden. Ein älterer Kambodschaner, der seinen Häschern durch Flucht aufs Land entkommen und glücklich war, dort von den Bauern nicht denunziert worden zu sein, spricht in dem Film mit vier ehemaligen Schergen. Sie schildern mit bebenden Lippen: "Ich war damals knapp 14 Jahre, Angkar gab Reis, ein Amt, Macht. Einmal, die Frau war so jung und schön … Ich konnte nicht anders, vergass mich und das strenge Verbot … riskierte mein eignes Leben … Ja, und danach habe ich sie mit anderen auf die 'Killing Fields' gebracht und dort mit einer Fahrradkette totgeschlagen."

Ein kultureller Widerspruch nur zu vergleichen mit der NS-Zeit

Etwa 1,3 Millionen Menschen, Eltern und Kinder der Bürgerschicht, sind auf diese Weise in fünf Jahren umgebracht worden. Hunderttausende kamen auf dem Land durch Malaria und andere Krankheiten ums Leben. Die Welt wusste das - und tat nichts. Bis 1989, während Vietnam Kambodscha besetzt hatte, vertrat das Schreckensregime Kambodscha bei der Uno in New York und erfreute sich politischer Gunst und diplomatischer Privilegien.

Nach 35 Jahren zum ersten Mal wieder in Phnom Penh, sah der Autor, seinerzeit im diplomatischen Dienst, im "S-21" die Fotos der Todgeweihten und stand vor der pagodenähnlichen Gedenkstätte, in der unzählige Schädel aufgebahrt sind. Ist das vielleicht der Kopf seiner Telefonistin oder seines Fahrers oder gar des Ministers, mit dem er 1965 den Vertrag über den Bau des Bahnhofs Sihanoukville unterzeichnet hatte? Sie alle sind umgebracht worden. Wie konnte ein buddhistisch gläubiges, unaufdringlich freundliches Volk, das er 1965 als zivilisiert und menschlich wohltuend erlebt hatte, das sich bis heute auf die kulturelle Blüte der Angkorzeit vor achthundert Jahren beruft, in derartigen Kannibalismus verfallen? Ein Chinese aus Singapur neben dem Besucher auf der Schädelstätte meinte, ein NS-KZ könne kaum schlimmer, der kulturelle Widerspruch nicht grösser gewesen sein - auch nicht im China der Kulturrevolution.

Als in Kambodscha alles verfiel und selbst Reis fehlte, schickte Pol Pot sein Militär ins vietnamesische Grenzgebiet im Mekongdelta zu Akquisitionen, was zu Überfällen und zunehmend zu Scharmützeln führte. Ende 1979 marschierten im Gegenzug Vietnams Truppen in Kambodscha ein und waren zu ihrem eigenen Erstaunen in wenigen Tagen in Phnom Penh. Die von Pol Pot verweigerten Sonderbeziehungen hatte sich Hanoi erkämpft, freilich um einen hohen Preis. Die westliche Welt reagierte mit Boykott, China mit Einfall in Nordvietnam. Als auch die sowjetische Hilfe schrumpfte und mit Glasnost nach 1989 zu versiegen drohte, wurde die Luft dünn. Hanoi zog seine Truppen nach zehnjähriger Besetzung Kambodschas ab - hinterliess jedoch "seinen Mann", Hun Sen, den gerade jüngst wieder siegreichen Ministerpräsidenten und Parteichef der linken CPP. Schon im Verwaltungsregime der vietnamesischen Besatzung war Hun Sen erst stellvertretender, ab 1985 dann Ministerpräsident geworden. Wie Kaysone damals in Laos so hat auch Hun Sen vietnamesische Vorfahren. Mit 19 Jahren hatte er sich dem Untergrundkampf von Pol Pot angeschlossen und war Offizier, als er 1977 desertierte und nach Vietnam floh.

In den Versuch der Vereinten Nationen (SR-Resolution 745), den von Bürgerkrieg, Pol Pot und Vietnam hinterlassenen Trümmerberg aufzuräumen und Grund für eine demokratische Neuordnung zu legen, mussten alle Kräfte einbezogen werden, auch die restlichen "Roten Khmer" und der in ihren Augen Quisling gewesene Hun Sen.

Sihanouks Sohn Ranariddh fehlt das Geschick des Vaters

Bei den Wahlen, welche die Uno organisierte, siegte 1993 FUNCINPEC, die Partei von Sihanouks Sohn, Prinz Ranariddh, dicht gefolgt von Hun Sen mit seiner linken CPP; Opposition wurde die Partei eines früheren Finanzministers, Sam Rainsy. Die Vereinten Nationen drängten des inneren Friedens und der Stabilisierung wegen auf eine Co-Ministerpräsidentschaft, die der zweite Ministerpräsident, Hun Sen, durch Putsch 1997 auflöste, um allein zu regieren. Prinz Ranariddh floh, kam aber auf Drängen seines Vaters König Sihanouk zurück. Bei den Wahlen 1998 und im Juli 2003 siegte die CPP, und Sam Rainsy wurde zweiter Sieger. Er hat die vernünftigsten Reformvorschläge, aber ein beiderseits bedingtes, feindseliges Verhältnis zu Hun Sen. Dieser ist in der eigenen Partei nicht unumstritten und hat bisher noch nicht erwiesen, dass er das Volk versöhnen, die Politik demokratisch stabilisieren und die Wirtschaft beleben kann. Sihanouk hätte das Talent, ist aber 81 Jahre alt, krank und amtsmüde. Seinem Sohn, Prinz Ranariddh, dessen Hochzeit der Autor 1965 mitgefeiert hatte, fehlt das Geschick des Vaters.

Spätestens seit dem Uno-Einsatz - dem ersten und letzten dieser Art als Übergangsverwaltung - schlägt das Gewissen der Geberwelt. Beim sechsten Treffen der Konsultativgruppe vor einem Jahr erhielt Kambodscha erneut hohe Zusagen, 635 Millionen US-Dollar für ein Jahr, 20 Millionen mehr als beantragt worden waren. Das ist ein Versuch später Wiedergutmachung, käme sie nur dem Volk zugute. Die Geber kritisierten die anhaltend grosse Korruption, die Verschleppung einer Rechtsreform. Von den Politikern oft benutzte Begriffe wie Gesetzmässigkeit, Rechtssicherheit oder Menschenrechte seien unverstanden und blosse Worthülsen.

Kambodscha ist ein armes Land. Naturschätze wie Holz und Edelsteine haben die "Roten Khmer" zu ihrer Finanzierung geplündert. Etwa 40 Prozent des Haushalts werden von auswärtiger Hilfe finanziert. Die Direktinvestitionen in 51 Projekte beliefen sich 2001 auf 232 Millionen US-Dollar, 2002 für 43 Projekte auf 243 Millionen US-Dollar und kamen zur Hälfte vom Ausland (Südkorea, China, Vietnam, Taiwan). Es gibt keine nennenswerte Industrie. Etwa 300 Hersteller von Schuhen und Textilien verschiffen im Jahr 35'000 Container, so viele wie Singapur in einer Woche. Bei Gesamtexporten von 1,4 Milliarden US-Dollar überwiegen die Importe mit 1,9 Milliarden US-Dollar. Vieles, was für die städtische Versorgung importiert wird - Frischfleisch, Gemüse, Joghurt - könnte im Lande unter gleichen Bedingungen wie im Bezugsland Thailand erzeugt werden; stattdessen wurde eine Joghurtfabrik geschlossen, weil der Import preiswerter ist.

80 Prozent der 12,7 Millionen Kambodschaner (50 Prozent sind jünger als 25 Jahre) leben auf dem Land und weitgehend von Subsistenzwirtschaft. Sie haben keinen Marktzugang. Weniger als 30 Prozent haben sauberes Trinkwasser. Mangelnde Hygiene, Malaria, die weltweit höchste Tuberkuloserate und endemische Unterernährung erklären den Tod von 127 von 1'000 Kindern, ehe sie fünf Jahre alt werden. Das Monatsgehalt eines Landarztes beträgt 15 US-Dollar! Etwa 800'000 Touristen kamen 2002 nach Kambodscha. Als durch den Putsch von Hun Sen 1997 in Phnom Penh Unruhen ausbrachen, blieben die Touristen fern. Da witterten pfiffige Thais ein Geschäft. Sie initiierten einen direkten Flugverkehr von Bangkok nach Siem Rap/Angkor und liessen Phnom Penh und andere Ziele links liegen. So fliessen heute von 100 US-Dollar, die der Angkor-Tourismus einbringt, 95 in thailändische und nur fünf Dollar in kambodschanische Taschen.

Auf Identitätssuche: Laos entdeckt plötzlich seine Geschichte

Als wieder einmal Unmut und Neid auf die tüchtigeren Thais ausbrachen, brannte ein aufgestachelter Mob am 29. Januar dieses Jahres die Thailändische Botschaft nieder, ein Thai-Hotel und thailändische Firmenbüros in Phnom Penh, ohne dass Polizei und Feuerwehr eingriffen. Tags zuvor hatten 1'500 Delegierte der ASEAN-Touristik ein Forum über regionale Zusammenarbeit beschlossen mit dem Aufruf "Besucht Kambodscha!".

In Laos müht sich ein erstarrtes Einparteienregime, das seit 1975 regiert, um den Machterhalt. Es gerät dabei zunehmend in Not, seine Legitimität zu beweisen und die 5,3 Millionen Einwohner (die Hälfte davon zählt zu 65 Minderheiten) in dem dünn besiedelten Land (236'000 qkm) bei der Stange zu halten. Seit der Vertreibung der Monarchie und der Machtergreifung 1975 gilt der Kommunismus als Symbol nationaler Identität unter bisher absoluter Leugnung historischer, einmal königlich-kultureller Grösse. Auf diese hat das Regime zum grossen Erstaunen jetzt allerdings unerwartet zurückgegriffen: Am 5. Januar dieses Jahres wurde der Geburtstag von König Fa Ngoum, im 14. Jahrhundert Gründer des Königreiches, zum Staatsfeiertag erklärt und mit der Enthüllung einer vier Meter hohen Bronzestatue sowie einer traditionellen Prozession begangen. Diese neue "PR" zielt auch gegen Thailand, das sprachlich sowie mit Musik und Fernsehprogrammen eine zunehmende Rolle in dem von der KP ausgedorrten Feld der Kultur grenzübergreifend entwickelte und dabei nicht nur ein Vakuum füllte, sondern auch regionale Suprematie dokumentieren will. Wird der plötzliche Rückgriff auf die königliche Geschichte dem KP-Regime in Vientiane genügen, um sich an der Macht zu halten?

Die wirtschaftliche Entwicklung wird wesentlich mitentscheiden - und die sieht, was Eigenständigkeit und Nachbarinteressen angeht, für das starre Regime nicht gut aus. In Laos kursieren vier Währungen: die vietnamesische, die chinesische, die thailändische und der laotische Kip (10'000 Kip = 1 US-Dollar). Fast täglich lässt Hanoi von seinen guten Taten hören, übergibt Spenden, einen PC, Schulbücher. Im Januar dieses Jahres wurde der 87'000ste Laote mit einem Orden für Verdienste um die fruchtbare Zusammenarbeit im Sinne des 1976 vereinbarten Freundschaftsvertrags geehrt, der kürzlich erneut verlängert wurde.

In den Bergen von Laos schlummern Eisenerz, Mangan, Gold und Erdöl, bisher schwer zugänglich und - wegen der Distanzen - noch nicht rentabel abzubauen. Den aufstrebenden Nachbarn ist das aber Grund genug, für die Zukunft in Laos präsent zu sein - und sei es vorerst nur mit den Währungen und Orden. 2002 exportierte Laos Holz, Elektrizität, Textilien, Kaffee, Gips, Zinn und Gewürze im Gesamtwert von 350 Millionen US-Dollar. Wie in Kambodscha ist das Haushaltsdefizit zu 40 Prozent auf die Finanzierung durch auswärtige Geber angewiesen.

Das grosse Geschenk der Natur: der 4'500 Kilometer lange Mekong

Laos und Kambodscha leiden gemeinsam unter einem Problem: dem Drogenschmuggel. Bis vor kurzem ging der Transit aus dem "Goldenen Dreieck" durch die angrenzende Provinz Yunnan über Kunming und Kwang Cho nach Schanghai. Lange leugnete China diese Drogenstrasse, schlug aber im Jahr 2000 zu. Zwölf Tonnen Heroin wurden beschlagnahmt, hundert Händler hingerichtet und das Produktionszentrum Pang Zang zerstört. Auch Thailand, wo drei Millionen Thais, fünf Prozent der Bevölkerung, darunter 700'000 Jugendliche, kiffen, ergriff drakonische Massnahmen. Seit Beginn dieses Jahres wurden hunderte Händler gefasst und viele bei Razzien erschossen. Seither konzentriert sich der Transitschmuggel auf Laos und Kambodscha, wo an die zwanzig Labors zur Herstellung von Amphetamin und Heroin vermutet werden.

Laos und Kambodscha verbindet aber auch ein grosses Geschenk der Natur: der aus Tibet, Yunnan und Myanmar kommende, Laos, Kambodscha, Thailand und Vietnam durchziehende Mekong, mit 4'500 Kilometern der achtlängste Fluss der Welt. Ein Drittel seines Weges, 1'500 Kilometer, geht durch Laos, wo er mit Nebenarmen 2'400 Kilometer Wasserwege erschliesst. 1'300 verschiedene Fischarten geben Anliegern mit 1,5 Millionen Tonnen Fang pro Jahr Eiweissnahrung. Jährlich neu an den Ufern ablagernde Schwemmstoffe sind Humus für den Gemüseanbau. Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam sind Mitglieder der Mekong River Commission (MRC). Sie haben 1995 in einem Vertrag Regeln über Entwicklung, Nutzung und Pflege des unteren Mekongbeckens vereinbart. Sorge bereitet Chinas Plan, den oberen Teil des Mekongs - genannt Lancang - im südlichen Teil von Yunnan zu einem Wasserkraftwerk mit über 16'000 Megawatt Leistung zu entwickeln. Innerhalb von zwanzig, dreissig Jahren soll eine Kaskade von sieben bis acht Dämmen entstehen, die 20 Prozent des Mekongvolumens nutzen. Zwei Dämme sind bereits fertig, ein dritter wird derzeit gebaut.

China will den Mekong auch in grossem Stil der Schifffahrt und dem Handel öffnen. Hindernisse wie Riffe, Felsen und Stromschnellen beseitigt China in seinem Teil mit Dynamit. Während Laos sich von vermehrtem Transit Vorteile erhofft, erheben Thailand, Myanmar und Kambodscha wichtige Einwände. Sie fürchten Ölverschmutzung, Nachteile für die eigene traditionelle Schifffahrt ländlicher Kleinunternehmer, Schädigung der Nahrung aus dem Mekong und ökologische Flutschäden.

Laos und Kambodscha haben zusammen 18 Millionen Einwohner und sind umringt von 80 Millionen Vietnamesen im Osten, 65 Millionen Thais im Westen und 80 Millionen Chinesen in Yunnan, der südlichen Provinz Chinas, das mit seinen insgesamt 1,3 Milliarden Menschen zunehmend von sich reden macht.

Die Franzosen sprechen von einem "gelben" und einem "braunen" Asien und meinen damit weniger die Hauttönung als vielmehr die mit ihr einhergehenden unterschiedlichen Mentalitätsmerkmale jeweiliger Bevölkerungen, die ein noch heute in Indochina geläufiges On dit so beschreibt: "Die Vietnamesen pflanzen Reis, die Kambodschaner schauen zu, und die Laoten wundern sich über die Anstrengung beider." Geschäftige Emsigkeit der Vietnamesen auf der einen, das Gegenteil auf der anderen Seite, zu der Khmer und Laoten zählen.

Nachdruck, auch auszugsweise, gestattet nur unter dem Hinweis "Aus dem Wochenbericht der Bank Julius Bär"


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 19.12.2003